Genie und kein Wahnsinn

Christoph Pöppe

Wie ist das, wenn man einem absoluten Ausnahmetalent begegnet? Vielleicht fällt es im alltäglichen Umgang überhaupt nicht auf. So ging es mir mit dem neuesten Träger das Abelpreises, Gerd Faltings. Ein Anlass, alte Erinnerungen hervorzukramen.

„Sie waren bestimmt in Ihrer Schulklasse die Besten, und die Mathematik ist Ihnen immer leichtgefallen. Rechnen Sie nicht damit, dass das hier so bleibt.“ Mit solchen Worten begrüßten die Professoren uns Erstsemester. Und sie hatten ja so recht.

Im Hörsaalgebäude in Münster gab es für jede angekündigte Vorlesung einen Aushang mit den notwendigen Angaben: Ort, Uhrzeit, stichwortartige Beschreibung des Stoffs und notwendige Vorkenntnisse. Bei den Anfängervorlesungen stand in der Vorkenntnisse-Spalte standardmäßig „Lesen und Schreiben“. Und so fingen sie auch an: ohne irgendetwas vorauszusetzen. Das war die ersten zwei Wochen richtig gemütlich; aber ab da ging die Vorlesung über den Schulstoff hinaus, und wir hatten sehr plötzlich richtig zu kämpfen. Ich selbst fand mich nicht, wie ich es bis dahin gewohnt war, in der Spitzengruppe wieder; vielmehr war da noch mächtig Luft nach oben.

Der Abstand zu den höheren Semestern war ohnehin himmelweit. Die Hiwis, die uns in den Übungen betreuten, waren höchstens ein paar Jahre älter als wir und schienen doch in einer völlig anderen Liga zu spielen. Aber auch in meinem eigenen Jahrgang gab es etliche Leute, zu denen man nur bewundernd hochgucken konnte. Stephan zum Beispiel. Wir alle bemühten uns, jedes Wort des Dozenten sorgfältig mitzuschreiben, und hofften dann, dass uns später beim Nacharbeiten doch noch die Erleuchtung käme. Stephan hatte einen einzigen Zettel in der Tasche seines schwarzen Jacketts, auf dem er genau dann etwas notierte, wenn er es nicht auf der Stelle verstand. Am Ende des Semesters war der Zettel noch nicht voll.

Stephan hatte dementsprechend wenig Bedarf an Kommunikation mit uns gewöhnlichen Menschen – und deswegen auch wenig Übung. Ihm fiel nicht unbedingt auf, wenn er, ein fernes Ziel bereits vor Augen, zwei oder drei gedankliche Schritte auf einmal machte. Anschreiben an die Tafel war ihm lästig, weil es seine Denkgeschwindigkeit zu sehr herabsetzte, und geriet deswegen auch ziemlich krakelig und wortkarg. Insgesamt gewann ich den Eindruck: Wer genial ist, der ist zwangsläufig auch ein bisschen komisch.

Im vierten Semester, in der Funktionalanalysis-Vorlesung, setzte sich dann ein Mensch zu uns, der erst im zweiten Semester war. Zur allgemeinen Faszination war er nicht nur uns alsbald weit voraus, sondern auch dem Stephan deutlich überlegen. In ruhigen, klaren Worten machte er uns Dinge begreiflich, an denen wir mächtig zu knabbern hatten, und ließ zugleich erkennen, dass er geistig weit über diesen Dingen schwebte. Dabei wirkte er kein bisschen komisch. Unauffällige äußere Erscheinung, saubere Handschrift, wie sie in der Schule geübt wird. Das war Gerd Faltings.

Viel habe ich von ihm und seinem rasanten Aufstieg zum Professor nicht mitbekommen – nicht weil er sich verschlossen hätte, sondern weil ich keine Chance hatte, mit seinen Ideen mitzuhalten. Und das wäre wahrscheinlich selbst dann so gewesen, wenn ich mich in sein Spezialgebiet Algebraische Geometrie ernsthaft vertieft hätte.

Siehe Bildunterschrift.
Gerd Faltings im Gespräch mit jungen Forschenden auf dem 12. Heidelberg Laureate Forum, 2025. Bild: HLFF / Flemming

Auf einem Studienstiftlertreffen stellte unser Gastgeber, der Medizinprofessor Klaus-Ditmar Bachmann, uns Scharade-Aufgaben der übel-abstrakten Art: Versuche, deinen Mit-Gästen einen Begriff wie „Ödipuskomplex“ zu vermitteln, nur durch Gesten, ohne ein Wort zu sagen und ohne irgendwelche Gegenstände zu verwenden. Das mit dem Ödipuskomplex hat sogar funktioniert, auf einem ausgeklügelten begrifflichen Umweg. Gerd Faltings ist es nicht gelungen, uns die „Ölpest“ begreiflich zu machen. Und ich bin am „Sittenstrolch“ kläglich gescheitert. Sagt das etwas über irgendwelche kommunikativen Defizite? Nicht wirklich.

Als 1983 die Nachricht die Runde machte, dass Gerd Faltings die Mordell-Vermutung bewiesen hatte, war die Aufregung groß, und die Jahrestagung der Deutschen Mathematiker-Vereinigung wurde flugs um einen Sondervortrag des Meisters zum Thema erweitert. Da kam Stephan extra angereist! Das leuchtet ein: So viele Leute gab es nicht, die ihm überlegen waren; da lohnte es schon, sich den einen aus der Nähe anzusehen.

Unter meinen journalistischen Kollegen trifft man gelegentlich die Unsitte an, die Mathematiker nach den Methoden der Völkerkunde als eine exotische Spezies zu beschreiben: abgeschieden vom Rest der Welt in einem virtuellen Urwald lebend, mit unverständlicher Sprache, befremdlichen Sitten und Gebräuchen und problematischer psychischer Konstitution. Kein Wunder, dass Georg Cantor in schwere Depressionen verfiel, nachdem er sich mit den wahrlich kopfzerbrechenden Paradoxien der Mengenlehre herumgeschlagen hatte; oder dass Kurt Gödel, nachdem er seine überragende geistige Kraft auf die Unvollständigkeitsresultate verwendet hatte, die in der Tat die Grundlagen der Mathematik erschütterten, paranoide Wahnvorstellungen entwickelte, in deren Folge er sich zu Tode hungerte.

Für diese Kollegen war die Person Grigori Perelman ein gefundenes Fressen. Der Mensch hatte die Poincaré-Vermutung bewiesen, eines der schwersten Probleme der Gegenwart. Aber statt den dafür gebührenden Ruhm in Empfang zu nehmen, zog er sich in die Wälder in der Nähe von St. Petersburg zurück, verschloss sich bis auf wenige Ausnahmen jeglichem Kontakt mit der mathematischen Welt und weigerte sich sogar, den Millionenpreis abzuholen, den das Clay Institute auf diese Leistung ausgesetzt hatte. Der muss doch verrückt sein, oder?

Eben nicht. Perelmans Motive mögen für uns nicht nachvollziehbar sein; aber die Leute, die mit ihm gesprochen haben, sehen keinen Anlass zu vermuten, er habe ernsthafte psychische Probleme. Den Ausnahmetalenten Cantor und Gödel steht eine große Mehrheit von ebenso fähigen Mathematikern gegenüber, die bei klarem Verstand alt geworden sind.

Siehe Bildunterschrift.
Faltings im Gespräch beim 12. HLF, 2025. Bild: HLFF / Flemming

Man muss nicht verrückt sein, um sich für eine Fields-Medaille (Faltings 1986) oder einen Abelpreis (Faltings 2026) zu qualifizieren. Genialität reicht völlig aus.

Übrigens: Der Eindruck, Stephan sei seltsam, verschwand bis zur Unkenntlichkeit, als wir uns besser kennenlernten. Ein eigenwilliger Typ ist er immer noch; aber das ist nicht wirklich ungewöhnlich.

 

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